Bei Reaktorunfällen können radioaktive Jodisotope freigesetzt werden, die das Risiko für die Entwicklung von Schilddrüsenkrebs erhöhen. Für nukleare Unfälle existieren Empfehlungen des Bundesamtes für Strahlenschutz für eine Jodprophylaxe in der Bevölkerung.

Empfehlung zur Einnahme von Jodtabletten erst ab einer Belastung von 50-250 mSv

Prinzip ist die rechtzeitige Aufsättigung der Schilddrüse mit einer so hohen Dosis Jodid, dass radioaktive Jodisotope nach Aufnahme durch den Organismus (Einatmen, Aufnahme über die Nahrung bzw. Trinkwasser) nicht mehr in der Schilddrüse gespeichert werden, sondern auf natürlichem Wege innerhalb weniger Stunden wieder ausgeschieden werden. Da in einem solchen Notfall aus Zeitgründen natürlich keine vorherige Diagnostik der Schilddrüse erfolgen kann, sind diese Empfehlungen nach Alter und Risikoabwägung gestaffelt. Eine Ausgabe und Einnahmeempfehlung dieser Jodtabletten, die in etwa das 1000-fache der Dosierung von den Tabletten enthalten, die zur üblichen Prophylaxe einer Schilddrüsenvergrößerung in Jodmangelgebieten dienen, erfolgt daher erst bei einer zu erwartenden Belastung von 50-250 mSv.

Jodprophylaxe bei Alter über 45 Jahren abgeraten

Dabei richtet sich die Dosisempfehlung nach Altersgruppen. Personen über 45 Jahren wird aufgrund der mit steigendem Lebensalter zunehmenden Häufigkeit von „schlummernden“ Überfunktionen, die durch die Gabe hoher Jodmengen zur symptomatischen Überfunktion werden können, von der Jodprophylaxe abgeraten. Kinder sind durch die radioaktiven Jodformen besonders gefährdet.

Nehmen Sie in jedem Fall Rücksprache mit Ihrem Arzt

Welchen Bezug haben diese Richtlinien, die insbesondere für den Reaktorunfall „in der Nähe“ vorliegen, nun für uns in Anbetracht der Ereignisse im fernen Japan?
Nachdem zum jetzigen Zeitpunkt weder klar ist, welches Ausmaß die dortigen Reaktorschäden haben und vor allem noch annehmen werden und somit weder die Menge der freigesetzten Radioaktivität noch diejenige eines eventuell auch bei uns ankommenden „Fallouts“ auch nur annähernd abgeschätzt werden kann, sollten die Überlegungen in erster Linie grundsätzlicher Natur sein:
Wie ist die Jodversorgung (kann im Urin gemessen werden) des Einzelnen (die Aufnahme von radioaktivem Jod aus der Umgebung und durch die Nahrungskette in Gegenden mit guter Jodversorgung ist deutlich geringer, als dies in Jodmangelgebieten der Fall ist) und kann sie ohne das Risiko von relevanten Nebenwirkungen (insbesondere der Entwicklung einer Schilddrüsenüberfunktion) kurzfristig verbessert werden? Insgesamt ist mittelfristig gegebenenfalls auch bei einer „lokalen Begrenzung“ der Katastrophe in Japan eine erhöhte Belastung durch radioaktives Jod in der Nahrungskette (z.B. pazifischer Seefisch) nicht auszuschließen.

Von einer Einnahme von Jodtabletten gleich welcher Dosierung ohne vorherige Konsultation des behandelnden Arztes ist aus oben genannten Gründen jedoch auf jeden Fall abzuraten. Insbesondere höhere Dosen können außer der Entwicklung einer Schilddrüsenüberfunktion auch noch andere zum Teil schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen.

Dr. Pörtl

 

Empfehlungen des Bundesamtes für Strahlenschutz nach Nuklearunfällen:
www.bfs.de/de/bfs/recht/rsh/volltext/3_BMU/3_15_2_1208.pdf